Provenienzforschung


Die Sammlung des Buchheim Museums geht online! Seit Montag, 30. September 2019, sind die ersten 104 Werke unter der Adresse sammlung.buchheimmuseum.de zu sehen. Es werden kontinuierlich weitere Werke eingestellt.

Pressemeldung


Jedes Kunstwerk ist einzigartig und hat seine ganz persönliche Biografie. Diese zu erforschen und möglichst lückenlos darzustellen, ist Ziel der Provenienzforschung. Sie ist seit jeher Bestandteil kunsthistorischer Praxis und musealer Sammlungspflege, wurde jedoch in früheren Jahren eher nachrangig behandelt. Mit der Verabschiedung der sogenannten »Washingtoner Erklärung« 1998 wurde das wissenschaftliche Bedürfnis musealer Bestandsforschung um eine moralische Verpflichtung der unterzeichnenden Staaten erweitert: Kunstwerke, die während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmt oder deren Besitzer zum Verkauf gezwungen wurden, sollen in öffentlichen Sammlungen identifiziert, die Vorkriegseigentümer oder deren Erben ausfindig gemacht und eine »gerechte und faire Lösung« für ehemalige Eigentümer und jetzige Besitzer gefunden werden. Als Folge dieser Selbstverpflichtung wurde ein Jahr später eine »Gemeinsame Erklärung« sowie eine begleitende Handreichung verfasst: die »Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz«, die nun die Basis für Provenienzforschung bildet.

Seit Oktober 2017 wird im Buchheim Museum mit Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern systematische Provenienzforschung betrieben. Hierfür wurde eine befristete Stelle eingerichtet. Dieses Bemühen zeigt, dass das Buchheim Museum, obwohl es von einer privaten Stiftung getragen wird und somit keinerlei Verpflichtungen unterliegt, die Suche nach NS-Raubgut nicht nur unterstützt, sondern gezielt umsetzt und eine gerechte und faire Lösung gemäß der »Washingtoner Prinzipien« und der »Gemeinsamen Erklärung« anstrebt.

Das Projekt widmet sich derzeit zunächst den Gemälden der Sammlung Buchheim, die vor 1946 entstanden sind oder deren Entstehungsjahr unbekannt ist. Im Rahmen dieser Recherchen wird folgenden Fragen nachgegangen: »Wann und wo hat Lothar-Günther Buchheim die Gemälde erworben?« und »Wer waren die Vorbesitzer?« Allgemeine Verdachtsmomente ergeben sich allein schon aus dem Sammlungsschwerpunkt, der auf Werken der Klassischen Moderne, insbesondere auf Gemälden und Grafiken der Künstlervereinigung »Brücke« liegt. Auch das Händlernetzwerk, aus dem Buchheim die Gemälde erwarb, impliziert eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sich in der Museumssammlung auch Kunstwerke befinden, die während der NS-Zeit beschlagnahmt oder aus einer Notsituation heraus nicht freiwillig verkauft wurden.

Diesen Verdacht zu bestätigen oder zu widerlegen ist Ziel des Projektes. Für die Forschung werden als Quellen die Gemälde selbst mit ihren Aufschriften, Ausstellungs- und Sammlungsetiketten, das hauseigene Privat- und Verlagsarchiv Buchheims sowie dessen Bibliothek und externe Archive und Bibliotheken zurate gezogen. Die Ergebnisse werden mit Abschluss des Projektes in 2019/20 auf dieser Website veröffentlicht. Bitte haben Sie noch etwas Geduld!

Mit Unterstützung der Universitätsbibliothek Heidelberg konnte der Auktionskatalog zur 1. Versteigerung von Gemälden, Aquarellen, Handzeichnungen, Skulpturen, Graphik, Radierungen, Lithographien, Holzschnitte u.a. in den Räumen des Frankfurter Kunsthauses, Frankfurt am Main, am Freitag, den 21. April 1950, und am Samstag, den 22. April 1950, als Digitalisat online gestellt werden.

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Béla Czene: Bauernpaar, 1941
Buchheim Museum der Phantasie,
Bernried am Starnberger See


Aus der Nachlassbibliothek
Lothar-Günther und Diethild Buchheim

Kurzfristiges Projekt »Dix & Pechstein. Der Erste Weltkrieg in Bildern« vom 01.07.–01.11.2018 (in 50% Teilzeit)


Mit einem Appell an den Frieden hat das Buchheim Museum dem Ende des Ersten Weltkrieges gedacht, das sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt. Im Mittelpunkt der Ausstellung »Dix & Pechstein – Der Erste Weltkrieg in Bildern« stehen zwei Zyklen: die druckgrafische Mappe »Der Krieg« von Otto Dix, Exemplar Nr. 41/70, und Max Pechsteins Aquarelle zur »Sommeschlacht«, denen Frühwerke Lothar-Günther Buchheims zum Thema zur Seite gestellt wurden.

Der Radierungszyklus »Der Krieg« von Otto Dix wurde in fünf Mappen und mit einer Auflage von 70 Stück im Jahr 1924 von Karl Nierendorf verlegt. Bei der »Sommeschlacht« von Max Pechstein, handelt es sich um eine Serie von 25 Aquarellen, die bereits 1917 entstand. Sie ist nicht zu verwechseln mit der bei Fritz Gurlitt unter demselben Titel verlegten Mappe mit acht Radierungen.

Vorbereitend zur Ausstellung wurden im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projektes die Provenienzen beider Werkgruppen erforscht. Dabei wurde insbesondere der von Yves Buchheim geäußerten Behauptung nachgegangen, dass sein Vater Lothar-Günther Buchheim Otto Dix' Mappenwerk »Der Krieg« von Cornelius Gurlitt erworben habe.

Ziel des Projektes war die Erarbeitung von möglichst lückenlosen Objektbiografien, um die Einstufung in das vierstufige Ampelsystem zu ermöglichen und bei erhärtetem Verdacht auf einen Eigentumsverlust eine proaktive Erbensuche durchzuführen. Die Recherchen umfassten neben der Objektautopsie, systematischer Datenbanküberprüfungen, objektspezifischen internen und externen Quellenrecherchen u. a. Archivreisen zum Bundesarchiv Koblenz (Nachlass Gurlitt) und zum Deutschen Kunstarchiv Nürnberg (Nachlass Otto Dix) auch die erstmalige Überprüfung der bis dato nur begrenzt zugänglichen annotierten Auktionskataloge aus der Bibliothek der Eheleute Buchheim. Dieser Arbeitsschritt ermöglichte die erfolgreiche Rekonstruktion des Erwerbszeitpunktes der 25 Aquarelle, die mit freundlicher Unterstützung des Auktionshauses Neumeister bestätigt wurde: Buchheim hatte Nr. 1408 bei Weinmüller in München im Freiverkauf der Auktion 89 vom 18./19.03.1964 erworben. Der Name des Einlieferers »Frank« war dokumentiert, die Person bis zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht identifiziert werden.

Yves Buchheims Erinnerung an einen Erwerb der Kriegsmappe bei Cornelius Gurlitt konnte im Laufe des Forschungsprojekts weder be- noch widerlegt werden: Der Name Buchheim taucht im Nachlass der Familie Gurlitt am Bundesarchiv Koblenz (Bestand N 1826) in keinem Erwerbskontext auf. Gesichert ist, dass das Buchheim Museum bis 2017 im Besitz von zwei Exemplaren des Radierzyklus »Der Krieg« gewesen ist. Bei der von Yves Buchheim beschriebenen Erwerbung könnte es sich entsprechend auch um das Exemplar handeln, das dann verkauft wurde. Es ist jedoch auch nicht auszuschließen, dass Buchheim noch weitere Exemplare der Kriegsmappe besessen und im Laufe seines Lebens veräußert hat. Trotz tiefergehender Provenienzrecherchen zu beiden Werkgruppen mit besonderem Rechercheschwerpunkt auf der Besitzfrage zwischen 1933–1945 ist es nicht gelungen, die Provenienzen abschließend zu klären. Bislang ist keine Meldung der recherchierten Kunstwerke bei »Lost Art« erfolgt, da nach aktuellem Forschungsstand kein hinreichender Verdacht auf NS-Raubkunst besteht. Beide Werkgruppen wurden mit gelb als »nicht eindeutig geklärt« gekennzeichnet.

Der Erfolg des Projekts basiert auf der aus diesem Projekt gewonnenen Erkenntnis, dass eine effektive und nachhaltige Quellenrecherche nur möglich ist, wenn das Archiv und die Bibliothek Buchheim sachthematisch und personenbezogen erschlossen sind. Diese Erkenntnis hat dazu geführt, dass die Buchheim Stiftung auf Anregung der Projektbearbeiterin und des Direktorats des Buchheim Museums für 2019 Gelder für eine feste Aushilfe im Bereich Bibliothek bereitgestellt hat und die Stelle einer Bibliothekarin für die Zukunft einplant. Darüber hinaus ist es aus dem Projekt heraus gelungen, erfolgreiche Schritte zur Umsetzung von Transparenz in der Provenienzforschung zu gehen, die innerhalb des langfristigen Projekts zur Gemäldesammlung des Buchheim Museums ihre Fortsetzung finden werden.


Max Pechstein: Sommeschlacht, Blatt 14, 1917
Buchheim Museum der Phantasie,
Bernried am Starnberger See
© Pechstein Hamburg/Tökendorf

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