Der Himmel ist weit weg - Unveröffentlichte Kriegsfotografien im Buchheim-Museum

Süddeutsche Zeitung vom 05.07.2010

Von Gerhard Fischer

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Bernried -- Lothar-Günther Buchheims Leben ist bedroht, als er die Fotos macht. „Mit großer Fahrt und starker Lastigkeit geht das Boot auf Tiefe", schrieb er später. „Als der Manometerzeiger über die 55 streicht, gibt es drei scharfe Detonationen." Die Briten greifen die U 96 mit Wasserbomben an. „Lampen klirren. Von der Decke schneit abgeplatzte Farbe herunter. Das Licht fällt aus." Die Notbeleuchtung geht an. Dann erneute Bombenschläge: „Das kann das Boot nicht aushalten", schrieb Buchheim, „Jetzt saufen wir ab! Jetzt kommt die grüne See herein! " Buchheim macht Fotos: von den Verwüstungen im U-Boot; von den Kameraden, die „starr wie Salzsäulen" stehen; es sind verwackelte Bilder. Dann, endlich, ist es wieder ruhig. Die U 96 hat den Angriff überstanden.

Das Buchheim-Museum in Bernried zeigt vom 6. Juli bis 10. Oktober Kriegsfotografien von Lothar-Günther Buchheim, dem Autor des in 30 Sprachen übersetzten Buches „Das Boot". Die meisten Bilder wurden bisher noch nicht veröffentlicht, einige von ihnen in Bildbänden. Die Kuratorin des Museums, Clelia Segieth, hatte 5000 Fotografien, die - weder datiert noch näher bezeichnet - als Kontaktbögen auf dem Dachboden des Buchheim-Hauses in Feldafing in Kisten lagerten, gesichtet und 250 von ihnen für die Ausstellung ausgewählt: Bilder, welche die Enge im U-Boot zeigen; die erschöpften Marine-Soldaten; den Kommandanten der U96, Heinrich Lehmann-Willenbrock, den „Alten", den jeder kennt, der „Das Boot" gelesen hat oder die Verfilmung von Wolfgang Petersen aus dem Jahr 1981 gesehen; Jürgen Prochnow spielte den Kommandanten.

Lothar-Günther Buchheim hatte sich 1940 freiwillig  zur Marine gemeldet. Zunächst war er auf dem Stützpunkt St. Nazaire in Frankreich - auch von dort gibt es Bilder in der Ausstellung; 1941 wurde er dann mit dem U-Boot U96 in den Krieg geschickt, eigentlich als Maler und Zeichner, um Propaganda-Bilder für die Nazis anzufertigen. Aber er fotografierte auch, sozusagen als Privatmann - und als Zeitzeuge, das war ihm damals schon klar: "Angetrieben von der Überzeugung, dass sich die Wirklichkeit des Krieges nicht in den üblichen Reportagen der Kriegsberichter niederschlägt, machte ich mehr als 5000 Aufnahmen", schrieb er später.

Buchheim hatte Recht. Die Bilder sind packend, und sie erzählen mehr als geschriebene Zeugnisse - weil sie Gesichter zeigen, deren Ausdruck man mit Worten nicht transportieren kann. In den Augen der Marine-Soldaten sieht man Angst, Resignation, Verzweiflung - und manchmal auch Stumpfsinn oder gar nichts. Nur Leere. Diese Menschen lebten tagein, tagaus eingesperrt im Bauch eines Bootes, mit einem Ziel im Kopf: Ich will überleben, ich will hier wieder raus. Der Himmel ist weit weg, manchmal sieht man ihn, kurz nur: „Für mich ist es eine Erlösung, auf der Brücke zu stehen", schrieb Buchheim, „ich nütze die Gelegenheit aufzuentern, sooft sie sich bietet. Ich steige aus dem Maschinenpferch, aus der Enge der Wände, aus Dunst, Gestank und Feuchtigkeit ans Licht zur reinen Luft empor."

Buch und Film sind wichtig und gut, aber diese Bilder im Museum sind nicht nacherzählt oder nachgestellt: Das ist echt. Und das macht diese Ausstellung so wertvoll. Die Fotos über den britischen Angriff etwa werden so aneinander gereicht, dass man meint, man erlebe ihn mit, ein Bild folgt auf das andere. Das ist dann doch wie ein Film: eine filmische Dokumentation. Und neben den Fotos stehen Texte aus den Büchern Buchheims, der 2007 gestorben ist. Die Worte ergänzen die Bilder.

Lothar-Günther Buchheim hat nicht nur Aufnahmen gemacht, ein paar Mal hat er sich auch fotografieren lassen. Ein Bild von 1941 zeigt den 23-Jährigen vor Beginn der Fahrt mit der U 96. Man sieht ein pausbäckigen jungen Mann, der mit neugierigen, wachen Augen in die Kamera blickt. Naiv wirkt er, abenteuerlustig, furchtlos. Ein weiteres Bild zeigt ihn 1944. Buchheim trägt eine Schwimmweste, sein Gesicht ist ausgehöhlt, er ist unrasiert und in seinen Augen ist  Erschöpfung und Leid. Er ist 26, aber nun sieht er aus wie 46.